Jeder Meter für die Kunst

Freiwillig durch die Hölle

Am StartAm Ziel

Ob viele begriffen haben, warum Heinz Kasper sich 1994 dieser martialischen Tortur unterworfen hat, und 21 Tage hintereinander jeweils mehr als einen Marathon quer durch Deutschland lief? Seinen schon ab dem dritten Tag eigentlich unfähigen Körper mit seiner beispiellosen geistigen Energie gnadenlos immer wieder neu aus dem Bett und auf die Strecke zwang? Als Künstler etwas macht, was sich kein Leistungssportler im Entferntesten zutrauen würde?

Für dieses Projekt "Jeder Meter für die Kunst", diesen höllischen 1-Millionen-Meter-Lauf, hat Kasper komplette zwei Jahre seines Lebens geopfert. Von der Bewältigung aller administrativen und organisatorischen Hürden im Vorfeld über das einjährige Training bis hin zur abschließenden Wanderausstellung. Warum das ganze Martyrium?

Kurz gesagt: Kasper lief, um die Kunst und Kulturentwicklung einer Gesellschaft vor den Planungsbürokraten zu retten. Um weitere Etatkürzungen der Kulturverwalter in diesem Land vorzubeugen, wollte er eine Volksbewegung starten und die Gesellschaft zur Mitsprache animieren. Denn eine Gesellschaft, so Kasper, habe das Recht und die Verpflichtung, für die Entwicklung ihrer Kultur selbst und innovativ einzutreten.

Man könne der Kunst, so sagte er damals in einem Interview, nicht einfach einen Platz zuweisen und sie verwalten. Und mokierte sich darüber, dass die kulturelle Entwicklung einer ganzen Nation inzwischen von Almosen getragen werde. Für ihn war es höchste Zeit, dass ein Land endlich darüber nachdenke, welche Aufgabe und Position die Kunst in ihrer Gesellschaft wahrnehmen kann und soll.

Deshalb musste er ein bundesweit sichtbares Zeichen setzen. Wenn die Menschen, so Kasper, nicht zur Kunst kämen, dann käme eben die Kunst zu ihnen. Also lief er. Mit jedem Meter wollte er die persönliche Wahrnehmung der Menschen schärfen und sie bewegen, Position zu beziehen. Auch aktiv. Jeder Bürger konnte mitmachen fünf, zehn oder fünfzehn Kilometer mitlaufen. In 63 Städten und Gemeinden, von Flensburg bis Freilassing.

Henry Joe Heibutzki, Publizist

Unter dem Motto "Jeder Meter für die Kunst" stellt der Hünfelder Unternehmer und Künstler Heinz Kasper seine Idee, im wahrsten Sinne des Wortes eine "breite Volksbewegung" zur Förderung von Kunst, Kultur und Sport zu initiieren. Ziel ist es, möglichst viele Menschen dazu zu animieren, selbst die Laufschuhe zu schnüren und die "Bewegung für die Kunst" persönlich zu begleiten. Mit der breiten Beteiligung der Bevölkerung, der Kommunalverwaltungen, der Unternehmen und öffentlicher Repräsentanten soll die Verbindung von Kultur und Sport unmittelbar gefördert werden.

Kunst und Kultur prägen wesentlich die gesellschaftliche Wirklichkeit, sie sind Grundlagen für Freiheit, Würde und Selbstverwirklichung des Menschen.

Die Bundesrepublik Deutschland nimmt für sich zu Recht in Anspruch, Kulturstaat zu sein. Sie hat ein großes kulturelles Erbe zu verwalten und gleichzeitig Möglichkeiten zu schaffen, damit Kunst und Kultur sich in Gegenwart und Zukunft entwickeln können.

Staatliche Hilfe allein würde jedoch für ein Gedeihen von Kunst und Kultur nicht ausreichen. Deshalb erachtet der Staat die private Kulturförderung als außerordentlich hilfreich und wün- schenswert.

Die private Kulturförderung kann schneller reagieren, sie ist an keine Verfahrensregelungen gebunden. Sie ist gekennzeichnet durch Flexibilität, Experimentierfreude und Innovationsbereitschaft.

Die Aktion "Jeder Meter für die Kunst" ist ein kreatives und phantasievolles Beispiel für jene - leider seltenen - Bemühungen, die Finanzierung von Kunst nicht allein dem Staat zu überlassen, sondern bei der Gewinnung von Sponsoren neue Wege zu gehen. Sie ist zugleich ein nachahmenswertes Beispiel auch dafür, wie private Kultur- förderung Spaß und Freude miteinander verbunden werden konnen. Ich danke allen, die sich am Volkslauf betätigen, dem Organisationsteam, den Künstlern, die ihre Werke für die Ausstellung zu Verfügung gestellt haben, nicht zuletzt dem Initiator und Förderer der Aktion, Herrn Heinz Kasper.

Manfred Kanther
Bundesminister des Inneren 1994

Katalog der Ausstellung

Ein Katalog der Ausstellung mit Bilder der Aktion begleitenden Künstler ist auf Anfrage erhältlich.